"Ich bin ein sehr fröhlicher Mensch – nein – ich bin zufrieden – das bin ich! Fröhlich ist zu schwach ausgedrückt. Das klingt so als ob du ein ‚Snickers’ ist und darüber glücklich bist – 10 Sekunden lang und danach fühlst du dich beschissen..."


Auf der Promo-Tour im Dezember besuchte er uns im Atomic Café. Vor der Show scherzte er auf Deutsch, es wird „langweilig und nicht so laut, weil akustisch und alleine“. Doch der Venue war voll und die Leute sangen bei den ihnen bekannten Songs mit. Jetzt kommt er in Begleitung seiner Band. William Fitzsimmons, ein guter Bekannter in der Konzertscene Deutschlands, bewundert für seinen Humor und geliebt für seine emotionsbeladenen Songs. Der ehemalige Psychotherapeut trifft damit nicht nur junge Herzen, sondern liegt ganz im Trend einer vom Burnout gebeutelten Gesellschaft, die sich nach Ruhe sehnt.

William Fitzsimmons - Gold In The Shadow

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"Ich liebe die Ruhe und Zufriedenheit. Ich weiß, dass es um mich herum oft ganz anders aussieht, aber ich kann damit umgehen. So mag ich das." William Fitzsimmons in einem amüsanten Gespräch über Therapie und die Musikindustrie.

Kannst du dir vorstellen wieder als Psychotherapeut zu arbeiten?

W: Du meinst, wenn ich als Musiker scheitern würde? Na ja, ich mochte die Arbeit und ich glaube, ich war gut! Am Anfang vielleicht nicht so. Wenn man etwas beginnt, ist man nie perfekt. Ich mochte es sehr mit Menschen zusammenzusitzen und über ganz persönliche und intime Dinge zu sprechen. Ich habe zu der Zeit immer gut geschlafen, denn es ist wirklich harte Arbeit, sich die Sorgen von anderen anzuhören. Oder sogar von jemanden, der Selbstmordgedanken hat.

Hast du damals schon mit Musik gearbeitet?


W: Wir haben im Krankenhaus Entspannungsübungen mit Musik, vielmehr Klängen wie Meeresrauschen, gemacht. Für mich hatte damals Musik einen anderen Stellewert. Es bedeutete heim zu gehen und Musik zu machen, oder nach der Arbeit Gitarre zu spielen. Ich kann erst heute beides miteinander verbinden, so dass es für mich einen Sinn ergibt.

Bist du nun der Therapeut für deine Zuhörer?

W: Ich sage den Leuten nicht wie sie sich fühlen sollen. Es ist nicht therapeutisch, sondern musikalisch. Manchmal fühle ich mich einsam und dieses Gefühl kann ich in meinem Song ausdrücken. Wenn jemand ähnliche Gefühle hat, kann er sich damit identifizieren und sich sogar besser fühlen. In der Psychotherapie nennen wir das ‚normalisieren’ oder auch ‚Universalität’. Allein zu wissen, dass jemand ähnliche Gefühle hat, kann schon helfen, denn es zeigt, dass man nicht alleine ist. Das ist dann tatsächlich Therapie.  

Du therapierst dich quasi selber und deine Zuhörerschaft gleich mit?

W: So könnte man das sagen. Ich will nicht arrogant rüberkommen. Ich finde es großartig auf diese Art und Weise zu helfen. Das haben mir sehr sehr viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, bestätigt. „Danke Mann, das hat mir geholfen!“ Ich freue mich darüber!

Hat dich schon mal jemand auf Tour um Hilfe als Therapeut gebeten, oder werden eher deine Songs gelobt?

W: Das erstere kommt eher scherzhaft. Doch vielleicht wollten sie mich auch testen und sehen, ob ich es ihnen anbieten würde. Manchmal teilt jemand mit mir sehr persönliche und schwerwiegende Dinge. Doch da gibt es eine Barriere, die niemand überschreitet, was auch angemessen ist. Ich bin nun mal kein Therapeut mehr. Die Änderungen vollziehen sich in den Menschen selbst, vielleicht sogar mit Hilfe meiner Musik.

Es heißt, die Songs auf dem neuen Album hast du geschrieben wie deine allerersten?

W: Genau so war es. Wenn du anfängst Songs zu schreiben, weißt du nicht wo die Reise hingeht. Doch je länger du das machst und je mehr Erfahrung du hast, desto bewusster kannst du den Vorgang steuern. Du weißt, was auf einem Festival funktioniert oder in einem TV Spot. Das ist gefährlich und verlockend. Es ist nichts Falsches daran, wenn ein Song gut auf einem Festival funktioniert oder sich in einem McDonald's Spot gut anhört.  Doch wenn du es bewusst drauf anlegst, dann sitzt Dein Herz am falschen Fleck.

Du hast vor fast neun Jahren dein erstes Album gemacht. Was hast du über die Musikindustrie herausgefunden?

W: Das ist eine gute Frage - Als Musiker gehst du immer in Vorleistung. Noch vor ein paar Jahren hatte ich eine schwere Zeit. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Da ist die Kunst, und dort das Geld. Genauso ist es mit den Leuten in der Industrie. Die einen legen mehr Wert auf die Kunst, die anderen mehr auf’s Geschäft. Es wird immer Musiker geben, die sich zurücklehnen, sobald sie ihre Schäfchen im Trockenen haben. Ich für meinen Teil setze mich damit auseinander und versuche ehrlich zu sein, jedoch in dem Bewusstsein, dass ich meine Familie ernähren muss.

Musiker berichten, dass ihre Kreativität leide, wenn sie zum Beispiel von der Plattenfirma unter Druck gesetzt würden oder zu viel tourten. Wie ist das bei dir?

W: Das ist tatsächlich kein Klischee. Wenn ein Album nicht funktioniert oder du scheiterst, dann versuchst du natürlich etwas zu ändern. Wenn du dann damit Erfolg hast, hast du Angst, dass der Erfolg wieder ausbleibt.

Trifft das auf das neue Album „Lions“ zu? Die ersten beiden Alben hast du noch zuhause produziert und diesmal warst du in einem professionellen Studio und es waren etliche Gastmusiker dabei. Auch werden deine Songs immer fröhlicher!?

W: Beim letzten Album „Gold in the Shadow“ wurde ich von Leuten beeinflusst, die vor allem schnelles Geld machen wollten. Das Album ist ok, ich mag einige der Songs sehr. Doch eigentlich war ich noch nicht bereit gewesen für ein neues Album. Dafür liebe ich dieses umso mehr. Diesmal konnte ich machen was ich wollte. Ich musste mir keine Sorgen machen, wie ein Song im Radio klingen, ob er drei oder zehn Minuten lang sein, oder welche Instrumente ich verwenden würde. Alles war fantastisch, egal, ob es alt oder neu klang!

Du hast mal gesagt, du würdest kein neues Album ohne Heavy Metal Song produzieren!

W: Ich glaub’s nicht. Ich bin mir sicher, dass ich das gesagt habe.

Der Song „Centralia“ klingt ein bisschen nach Metal –

W: Das zählt! Ich habe die Wahrheit gesagt! Gut, dass du dieses Beispiel nennst. Der Song ist das perfekte Beispiel. Noch vor ein paar Jahren hätte ich diesen Song nicht gemacht, weil die Songs alle schön klingen sollten, weil ich befürchtet hätte, dass niemand hinhören würde.

Und was ist passiert?

W: Dieser Song ist nicht so angenehm anzuhören, wie ein netter Folk- oder Pop-Song. Doch er erzählt die Geschichte genau so, wie mein Produzent Chris und ich das haben wollten. Ich war echt aufgeregt diesen Song zu machen, der sozusagen alles Vorherige sabotiert. Sufjan Stevens macht so was öfter mal. Er hat zum Beispiel einen wunderschönen vier Minuten Folk-Song mit Gitarren und Flöten – und genau in der Mitte ist ein fürchterliches Gitarrensolo, das schlimmste, das ich je gehört habe. Es ist grauenvoll. Doch es macht genau an dieser Stelle absolut Sinn. Du kannst dieses Stück auf keinen Fall als Hintergrundmusik anhören, während du ein Buch liest. Du musst dich mit dem Song auseinandersetzten.

Du magst also kleine Störer oder Schocks, die dich aufwecken?

W: Wenn sie angebracht und passend sind? Wenn es zu der Geschichte passt? Es ist ok, dass Leute mit meiner Musik schlafen gehen oder sie als Hintergrundmusik beim Arbeiten und Lernen hören. Alles in Ordnung, dass sie in TV-Spots läuft. Doch ich möchte, dass der Kern meiner Songs verstanden wird. Sonst wären sie doch nur gut zur Berieselung in einem Supermarkt.

Du bist immerhin bekannt geworden, weil einer deiner Songs in der Serie „Grey's Anatomie“ gespielt wurde.


W: Das ist tatsächlich der Grund warum ich heute hier stehe. Darüber bin ich glücklich. Damit habe ich unheimlich viele Leute erreicht, die mich sonst nie gehört hätten. Ich hätte kaum die Chance gehabt, in deren Wohnzimmer zu spielen. Sie hätten sich vor meinem Gesicht gefürchtet. (lacht) Außerdem ist es sehr gut bezahlt. Mit dem Geld konnte ich auf Tour gehen, was ich sonst nicht so einfach hätte machen können. Ich bin stolz auf meine Musik!

Du bist nach wie vor glücklich mit dem was Du machst?


W: Ja, klar, denn ich habe mein Herz immer noch am rechten Fleck, wenn ich Musik mache. Nick Drake ist mein erklärter Lieblings-Song-Writer. Und „Pink Moon“ ist mein Lieblingsalbum. Ich hätte diese Musik nie wahrgenommen, wenn ich sie nicht in einer Volkswagen-Werbung vor 15 Jahren gehört hätte. Sag also was du willst, meinen Dank dafür an Volkswagen. Ich hoffe sogar, sie haben damit ein paar Autos verkauft, denn sie haben eine tolle Werbung mit einem tollen Song gemacht.

Warum machst du keine politischen Songs?

W: Oh, solche Songs sind grauenvoll!

Keine Joan Baez? Folk ist doch prädestiniert dafür?!


W: Hör mal, ich bin froh, dass es Leute gibt, die solche Songs machen. Ein paar Bob Dylan Songs aus den 60ern sind wirklich gut und ich mag diese sehr. Aber ich habe mich nie dazu berufen gefühlt. Ich spreche gerne über inneren Angelegenheiten und da gibt es Songschreiber, die gerne über äußere Angelegenheiten sprechen. Ich lasse sie machen, ich mache mein Ding und so sind wir alle glücklich. Natürlich interessiert mich auch Politik, doch sie inspiriert mich nicht Songs zu schreiben. Lieber spreche ich darüber.

Deine Eltern waren beide blind. Wie hast du dich mit Ihnen unterhalten? Hast du dustere Musik aufgelegt, wenn du sauer warst?

W:  Bei uns ging es genauso zu wie im Film „The Sound of Musik“! Wir haben uns singend verständigt. Meine Mom war Julie Andrews und ich war eines der Kinder, das in Lederhosen herumlief.

Ein Beispiel, bitte!

W: Kommunikation ist laut einiger Wissenschaftler zu 70 % nicht-verbal. Das meiste läuft über unsere Augen, über das, was wir sehen. Wenn du also diese Fähigkeit von jemandem wegnimmst, dann nimmst du dieser Person eine sehr intime Möglichkeit zu kommunizieren. Ich möchte nicht dramatisch werden, doch ich hatte mit meiner Mom noch nie Augenkontakt. Dabei stehen wir uns sehr nahe. Wir mussten also neue Wege finden, um zu kommunizieren. Wir umarmen uns sehr of. Auch war ich ein sehr anschmiegsames Baby. Du musst lernen die anderen Sinne zu nutzen. Für jemanden, der nicht sehen kann, werden die Ohren quasi zu Augen. Wenn so jemand die Straße überqueren will, muss sein Gehör super gut funktionieren, wenn er nicht von einem Auto erfasst werden will. Meine Mom kann hören wenn ich im Zimmer bin! Sie kann die kleinsten Veränderungen im Raum hören und spüren wie einen Luftzug. Das gehört für sie zum Überleben.

Welche Rolle spielte die Musik?

W: Ok – Musik – was ist emotionsgeladener und kommunikativer als Musik? Da kommen Gefühle in einem hoch, die du nicht mal erahntest. Das sind zum Beispiel Dinge, die ich mit meiner Mom teile. Mein Vater spielte oft klassische Musik auf seiner Orgel. Mein Bruder und ich waren begeistert von der Lautstärke. Meine Mutter sang John Denver oder Joni Mitchell Lieder. Als Teenager saß ich mit ihr auf der Veranda, sang und spielte mit ihr auf der Gitarre „Rocky Mountain High“, wie ein Trottel. Die coolen Teenager waren unterwegs und feierten Partys mit Mädchen. Bei uns war das eben anders.

In deiner Familie hat sich immer alles um Musik gedreht. Warum bist du Therapeut geworden?

W: Weil ich psychisch krank war und das wollte ich beheben. (lacht) Als ich meinen ersten Kurs in Psychologie absolvierte, lernte ich diese wunderschöne Frau kennen. Ich war hin und weg. Und ich war der Überzeugung, dass sie und das Studium mich heilen würden, denn ich fühlte mich innerlich zerbrochen. Das klingt jetzt wie ein Klischee. Doch ich fand heraus, dass ich eine Zwangsneurose und eine ausgewachsene Depression hatte. Ich begab mich in Therapie und nahm Medikamente. Und nun bin ich perfekt!


 

Das Gespräch führte Angela Sandweger