Manchmal ist es besser, seine Bewunderer auf Distanz zu halten. Für ihr erstes Album nach sechs Jahren „Invisible 1“ hat Brisa Roché genau das getan – und die Distanz hätte kaum größer sein können: Nach vier erfolgreichen Albumveröffentlichungen in Frankreich ist sie in ihre Heimat Kalifornien zurückgekehrt, allerdings nicht in jenes Kalifornien der sechsspurigen Highways und Palmen, sondern in jenes andere, weiter nördlich gelegene, wo Berglöwen durch die Wälder streifen und Mammutbäume alles andere überragen.

Dort hat sie, versteckt in ihrem eigenen Home-Studio, ein Album geschaffen, ohne Eile, Song für Song, inspiriert von Produktionen, die ihr aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt zugeschickt wurden. Manche der beteiligten Produzenten haben etwas geschickt, das offensichtlich die Art von frühem Songwriting inspirieren sollte, für das „Brisa, die Jazzsängerin“, gerade erst in Frankreich angekommen, als die Twin Towers fielen, damals gefeiert wurde, als sie ihre Stimme auf den Bühnen von Paris präsentierte – was Journalisten wiederum immer wieder zu Vergleichen mit Billie Holiday inspirierte. Andere hingegen schickten Material, das ihre Vorliebe für den Avantgarde-Spirit von „Mystery Man“ von ihrem ersten Album für Blue Note Records durchschimmern ließ: betörender Pop, waghalsig und zuckersüß zugleich. Und wieder andere Producer ließen ihr Tracks zukommen, die in jene klangliche Kerbe von Hits wie „Whistle“ und „Call Me“ schlugen – Highlights also aus ihrer Psych-Folk-Phase.



Jedoch war Brisa gar nicht daran interessiert, sich mit der Vergangenheit aufzuhalten. Sie wollte eine weitere Zukunft entwerfen: Eine klangliche Sphäre, die Raum und Zeit umspannt und durchdringt, einen Songwriting-Ansatz über die Distanz von etlichen Tausend Meilen, über Genregrenzen hinweg, sie wollte Resultate, in denen eine Stimme mal aus einem Computer kommt, mal von einer beifallumspülten Bühne, mal aus einem unberührten Wald. Der Titel Invisible 1 verweist darauf, dass alles möglich ist, wenn man die Einschränkungen der klassischen Studioarbeit abstreift und hinter sich lässt. Wenn jede Scheu und die verschiedenen Urteile durch große Distanzen verschleiert und verdeckt werden, wenn sich Kollaborationen über die wellenförmigen Kanäle vervielfachen. Wenn Kunst entsteht, die auf Intimität mit Fremden basiert.

Brisa schreibt schnell, angetrieben von der neuen Herangehensweise: den importierten Tracks, der Abgeschiedenheit; 40 Arrangements stehen im Handumdrehen, 40 Geschichten sind schnell erzählt, werden dann auf 14 heruntergekürzt: Ein Album mit zwei Seiten. A und B. Auf beiden tanzen zwei unterschiedliche Seiten ihrer Persönlichkeit.

Die „introvertierte Seite“ des Longplayers schmiegt sich um die vertraut wirkenden Gitarren und Akkordfolgen von Thibaut Barbillon: Brisa dazu als Träumerin, als Schlaflose, die sich selbst aufgibt in ihren Geständnissen. Als ob sie von einer Girl-Group ausgerissen wäre, nimmt sie uns mit auf einen Spaziergang oder schließt sich zusammen mit uns in ihr Zimmer ein.

Die „extrovertierte Seite“: Sonniger, elektronischer, auch weil Blackjoy hinter den Reglern steht, wobei auch Ideen von Co-Produzent Marc Collin (Nouvelle Vague, Yasmine Hamdan, Elodie Frégé etc.) durchschimmern, über denen Brisas Stimme sehr viel voluminöser wirkt: verspielt wie eine Kate Bush oder auch mal ernsthaft wie eine Lana Del Rey.

Diese Art der Produktion, ohne Limits, ohne Grenzen oder Beschränkungen, über Kontinente hinweg, aus französischen, US-amerikanischen, gänzlich abgeschiedenen Studios kommend, von Paris bis zur Westküste, sie ist der Boden, auf dem wir einer neuen Brisa Roché begegnen. Und gerade jetzt, wo mit David Bowie das größte britische Chamäleon verstorben ist, wo sonst fast nur noch durchformatierte Alben erscheinen, tut es besonders gut, einer Künstlerin zu begegnen, die einen als musikalische Verwandlungskünstlerin verzaubert. Immer wieder.

Brisa Roche album "Invisible 1"

out 03.06.2016

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