War diese Aktion einfach umzusetzen?


FLATZ: Die italienischen Ministerien waren sehr aufgebracht und die Medien überschlugen sich. Ich weiß eigentlich immer noch nicht, ob ich meine Aktion durchziehen kann. Sie haben Angst, ich würde einen Herzinfarkt bekommen. Als Person des öffentlichen Interesses wäre das natürlich ein Skandal. Wenn einem normalen Inhaftierten so was passiert, kräht kein Hahn danach. Sie gab bereits mehrere Anläufe, um die Aktion zu verhindern. Aber ich bin stärker als die!

Bist Du immer noch der Provokateur, der durch Aktionen wie dein Glockenläuten – du warst der Klöppel, –, zwiespältige Reaktionen auslöst? Du warst auch mal Zielscheibe für Darts!

FLATZ: Ich hab mich noch nie als Provokateur gefühlt und noch nie eine Arbeit gemacht, um zu provozieren. Meiner Meinung nach tut das jedes gute Kunstwerk und jeder gute Künstler, vor allem wenn es etwas Neues ist, weil es die alte Form in Frage stellt. Das beweist die Kunstgeschickte. Regt eine Arbeit auf, spricht das für sie!

Du bringst immer vollen Körpereinsatz bis hin zur Lebensgefahr!

FLATZ: Meine Arbeiten waren immer schon so, auch die im italienischen Gefängnis. Ich werde 30 Tage lang à 24 Stunden eingesperrt sein, also physisch anwesend. Die Formen verändern sich, aber die Struktur ist nach wie vor da. Den totalen Körpereinsatz habe ich bis auf die Spitze getrieben. Doch nicht in der Zerstörung liegt der Sinn der Kunst. Sie arbeitet am Leben und um das zu gewinnen, musst Du es herausfordern. Das ist meine Philosophie!

Was ist die Intension der Gefängnisaktion in Rom?

FLATZ: Das sagte schon der Titel der Ausstellung: Cella - Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung. Das findet in der ganzen Gesellschaft statt, vor allem aber bei Gefangenen, egal ob schuldig oder nicht. Denk an Guantánamo. Uns allen ist doch bewusst, wo Menschenrechte verletzt werden.

Welche Erfahrungen hast Du damals im richtigen Gefängnis gemacht hast?

FLATZ: Als ich rein kam, war ich zunächst ohnmächtig und hilflos. Es ist sehr erniedrigend. Du bist dem System ausgeliefert. Es geht um Strafe und Disziplinierung. Zum Glück hatten sie bei mir keine Handhabe, weil ich nichts verbrochen hatte. Genauso schnell wie ich drin war, war ich wieder draußen.

Trotzdem lebst Du noch in diesem System?

FLATZ: Meiner Meinung nach kann man seine Kultur nicht negieren und auch nicht davonlaufen. Ich bin mit ihr aufgewachsen, sie hat mich geprägt, sie hat mir meine Basis gegeben. Ich bin Teil von ihr und als Künstler reflektiere ich das. Natürlich könnte ich wie Gaugin nach Tahiti gehen und dort schöne Bilder malen. Doch ich stelle mich lieber den Herausforderungen.

Du bist der letzte überlebende Künstler auf der Münchner Praterinsel?

FLATZ: Die Insel ist Privateigentum, nicht wie viele annehmen, Eigentum der Stadt. Selbe verkaufte sie mit der Auflage, dass ein bestimmter Prozentsatz der Fläche für Kultur zur Verfügung gestellt werden sollte. So konnten 70 bis 80 Prozent kommerzialisiert werden. Anfänglich waren bis zu 40 Künstler auf der Insel. Es wurden große Ausstellungen gemacht, mit Leuten wie Rauschenberg, Keith Haring bis hin zu David Byrne und von mir. Vor drei Jahren bat man die Künstler unter dem Vorwand, das Haus solle renoviert werden, auszuziehen. Dass sie zurückkommen sollten, hatten wir schriftlich. Doch das passierte nicht. Teils bekamen sie nicht mal ihre Kautionen zurück! Das Nebenhaus wurde letztes Jahr an eine Firma verkauft, deren Geschäftsstrategie darin besteht Immobilien zu kaufen und zu verkaufen. Das Gebäude steht mit Ausnahme von zwei, drei kleinen Mietern komplett leer, was vielleicht eine strategische Maßnahme ist. Ich habe das Glück in einem allein stehenden Haus zu sein, das ich in Eigeninitiative ausgebaut habe.