Wieso sollte jemand freiwillig ins Gefängnis gehen? Warum seinen Körper als Glockenklöppel benutzen lassen? Wieso seinen Hund Hitler nennen? Oder sich selbst immer wieder lebensbedrohlichen Situationen aussetzen, die Schmerz, unter Umständen sogar bleibende Schäden verursachen könnten?



Bei uns auf der Praterinsel lebt er, der Aktionskünstler, Musiker, Komponist und Bühnenbildner FLATZ. Der 1952 in Dornbirn, Österreich geborene studierte zunächst Metalldesign in Graz. Als er nach München kam, setzte er das Studium an der Akademie zum Goldschmied fort, studierte Malerei und Kunstgeschichte. Auf der Praterinsel fand er in den 80ger Jahren, wie viele andere Kreative, eine Heimat. Seine Künstlerkarriere entwickelte sich schnell. Dreimal nahm er an der Dokumenta teil, feierte internationale Erfolge, nicht zuletzt mit seiner inzwischen verstorbenen 80 Kilo Dogge namens Hitler, die bekannt wurde durch das Buch „Hitler, ein Hundeleben“.

Seine Aktionen wurden von Kunstkritikern stets hoch gelobt oder gnadenlos verurteilt. Vor Jahren versuchte er seinen Kopf als Werbeträger zu verkaufen. Fehlanzeige; keine Firma wollte ihm ein lebenslang bleibendes Mal tätowieren lassen. Im Zuge seiner Werkserie „Physical Sculptures“ ließ er sich den kompletten Rücken mit demselben Schriftzug stechen und wurde so selbst zu einem seiner Objekte. Sein bekanntester Spruch „Fressen Ficken Fernsehen“, der sein Auto in schwarz-rot-gold als Aufkleber schmückt, war kein Widerspruch dazu, eine Professur anzunehmen. Um sich nicht ständig erklären und vorstellen zu müssen, begleitet ihn inzwischen ein neuer Gefährte, sein Boston Bullterrier Herr Professor.

Aktuell, im November ’09, ließ er sich mit viel Aufsehens in Italien ins Gefängnis sperren. Die Ausstellung „Cella“ ist jedoch ein Kunstprojekt der Universität Innsbruck über gesellschaftliche Formen der Ausgrenzung, die im ehemaligen Jugendgefängnis in Trastevere bei Rom stattfindet.. Das Gebäude, das 1715 vom Papst errichtet wurde, ist weltweit der erste Gefängnisbau, der eine Zellenstruktur aufweist. Zwei Tage vor seinem Haftantritt erzählt uns FLATZ was hinter der Gefängnis Aktion steckt und warum er immer noch auf der Münchner Praterinsel lebt.


FLATZ: Wegen meiner Kunst hatte ich schon häufiger Schwierigkeiten, musste ins Gefängnis und wurde sogar ins Irrenhaus eingeliefert. Auch Michelangelo war im Knast; Sogar Egon Schiele, weil er Nackte gezeichnet hat. Künstler wurden immer wieder ausgegrenzt oder diszipliniert, wenn sie zu sehr aufregten. Genau das ist es, was Gefangenschaft bedeutet.

Was hast du bei der Ausstellung „Cella“ im römischen Gefängnis vor?

FLATZ: Ich werde 30 Tage lang in meiner Zelle leben. Das Publikum kann mich nicht sehen, doch als Beweis meiner Anwesenheit wird in der Nebenzelle meinen Herzschlag zu hören sein. Alle 24 Stunden habe ich eine Stunde Hofgang, wie jeder gewöhnliche Gefängnisinsasse. An Stelle des Hofgangs hatte man mir eine Stunde Besucherzeit bewilligt. Vorab hatte ich handgeschriebene Briefe an Persönlichkeiten aus der Politik, Kultur und Kunst geschickt mit der Bitte, mich zu besuchen.