Musik in Blldern für Augen und Herz

Wer in letzter Zeit mit offenen Augen durch München geht, dem sollten die seltsamen, bunten Figuren aufgefallen sein. Sie finden sich an den unmöglichsten Stellen und sind mit Nachrichten versehen. Doch es sind keine Graffitis, sondern auf Papier gemalt Bilder, die wie Plakate geklebt werden. Daneben findet sich stets der kleine rosarote Primat, ein Logo mit einer Webadresse. Die Bilder sind von Naomi Lawrence. Die Münchner Künstlerin mit englischem Pass hat das Projekt Stadtgorilla ins Leben gerufen, um „nur Gutes“ zu berichten:

Naomi: „Ende 2008, Anfang 2009 hat mich die Situation unserer Welt sehr mitgenommen. Die Krise und die Gier der Leute immer noch mehr haben zu wollen, dazu die vielen Naturkatastrophen, der Klimawandel, der in aller Munde war; Das alles hat mich wie Salzsäure verätzt. Ich hatte den Eindruck, die Welt ist ein schlechter Ort. Ich musste was machen, bevor mir die Mundwinkel bis zum Boden hängen würden. So habe ich langsam das Stadtgorilla Projekt ausgetüftelt.“

„Margrit P. aus M. geht in Schulen und liest Kindern Geschichten vor.“ „Claudia L. aus M. organisiert Haushaltshilfen für HIV-positive Eltern.“ „Irmi K. aus M. behandelt Menschen ohne Krankenversicherung.“ Das sind die Botschaften auf Naomis Bildern, die von Menschen erzählen, die Gutes tun, ohne dass sie dafür bezahlt werden oder dafür Aufmerksamkeit bekommen. Auf www.stadt-gorilla.de stellt Naomi diese Menschen im Portrait vor.

Naomi: „Meine Ausstellung sollte mit München zu tun haben, Hintergründe und Zusammenhängen zeigen. Ich wollte nicht glauben, dass alle Menschen schlecht sind. Meiner Überzeugung nach hat jeder ein positives Potential. Also machte ich mich auf die Suche nach solchen Leuten, um selber wieder positiv zu werden. Meine Werbung, meine Botschaften sollten farbig, bunt, kreativ und unübersehbar sein. Sie sollten dich anschreien: Hey, Dein Nachbar macht ganz tolle Sachen! Das kannst Du auch! Dabei sind diese Personen, um die es auf meinen Plakate geht, keine Mutter Theresa, sondern ganz bescheidene, einfache Leute.“

Je einen Monat lang kleben die Bilder in den Stadtteilen Isarvorstadt, Westend, Hasenbergl und Haidhasen. Nicht illegal. Naomi stellt immer klar, dass die Anwohner und Besitzer nichts dagegen haben. Manchmal passiert es sogar, dass ein Ladenbesitzer eins ihrer Bild länger hängen lassen will, „weil es gefällt und die Kundschaft anspricht.“

Naomi: „Ich wollte, dass die Leute sich fragen, ob die Aktion legal sei oder ob jemand so blöd sein sollte, seine Website neben die Bilder zu stellen.“

Passanten und Betrachter sollten von den seltsamen „Viechern“ – wie sie Naomi nennt - und von den Botschaften irritiert sein. Hasen, Hunde oder Katzenähnliche Gestalten bevölkern die Bilder. Doch gerade das schemenhaft kindliche scheint Erinnerungen zu wecken, oder das Gefühl, diese Bilder zu kennen.

Naomi: „Das kommt vermutlich von der sehr reduzierten Form – Punkt, Punkt, Komma, Strich. Die Viecher sind meine Sprache. Wo sie herkommen, kann ich tiefenpsychologisch nicht erklären (lacht)... Hasen sind so friedlich, unschuldig und in keinster Weise aggressiv...“

Naomis „Viecher“ sind in Museumsshops auf Gadgets wie Spiegeln und Postkarten zu finden. Die Ausstellung sollte ganz ohne Reglements sein, weshalb Naomi keine Sponsoren oder das Kulturreferat aufsuchte. Sie lebte in der Zeit des Projekts von ihren Ersparnissen, mit dem einzigen Ziel, in ihrer Stadt an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch deshalb entwickelte sie das Logo vom rosa Gorilla, der auf ihre Website hinweist.

Naomi: Die Ausstellung sollte vergänglich sein, damit sich die Leute nicht an die Bilder gewöhnen und irgendwann nicht mehr wahrnehmen würden.“

Fotos auf der Website dokumentieren die Ausstellung. Trotzdem tut es Naomi in der Seele weh, wenn die Bilder verschwinden, sei es, weil sie selbst sie entfernt oder auch das Wetter.

Naomi: „Ich hätte nicht gedacht wie schmerzhaft es sein kann“ , vor allem, wenn Vandalen die Bilder zerstören. Naomi wollte öffentlich zeigen, was einfache Leute insgeheim tun, nämlich: „Nur Gutes!“

Interview & Text: AngieBlack


Naomi im Atelier (Foto: C. Bush)