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out 21.05.2010 / amazon

From Patience to Patience … Stück für Stück

Patience der Opening-Titel des neuen MARSMOBIL Werks spiegelt perfekt das Thema des gesamten Albums wieder. Dieser Song fungiert sowohl als Intro als auch als Outro der Platte. Die erste Strophe des Songs und des ganzen Albums stellt die Frage, die das gesamte Projekt voran trieb: (Why Don’t You Take) The Other Side?
Eher ungewöhnlich für das Album ist dieses Lied weniger Songwriting-orientiert als vielmehr Loop inspiriert (obwohl nicht gesampelt, sondern eingespielt) als der Rest des Albums. Mit seiner repetitiven Struktur passt sich dieser Track nahtlos in den Kontext von Robertos jüngsten Arbeiten mit Namen wie DJ HELL; PETER KRUDER und CHRISTIAN PROMMER ein. Offensichtlich eine weitere Seite der vielen Seiten von MARSMOBIL. Daher ist nicht überraschend, dass genau dieser Titel die Aufmerksamkeit von DJ Hell erregte („Große Show – Gratulation!!“), als auch jene von MICHAEL MAYER (KOMPAKT) und AKSEL SCHAUFLER aka SUPERPITCHER, die sofort beschlossen, einen eigenen Remix unter ihrem Synonym SUPERMAYER anzufertigen, der demnächst auf KOMPAKT veröffentlicht wird.

Alle drei DJ benutzten den Track seitdem regelmäßig in ihren DJ Sets. Eine Geschichte, zu schön, um wahr zu sein, da Patience ohnehin eine Hommage an eine andere Legende und KOMPAKT Mitbegründer ist: WOLFGANG VOIGT. Es spielte sich wie folgt ab: Bei einem Besuch in Peter Kruder´s Studio in Wien bereitete Roberto – Koch mit Leib und Seele – während der Vorbereitungen für einen nächtlichen DJ Gig ein Mahl für Peter und Christian Prommer zu – beide selbsterklärte Gourmets. Beide spielten dem jeweils anderen Tracks vor, während Roberto am Herd stand. Auf einmal erregte eines der Stücke Robertos Aufmerksamkeit: Geduld, der von WOLFGANG VOIGT unter einem seiner vielen Aliase FREILAND auf einer der KOMPAKT Compilations veröffentlicht wurde. Roberto verliebte sich sofort in den Track, griff umgehend nach einer Serviette und entwarf die Grundstruktur eines neuen Songs, ohne zu wissen, wer ihn dabei inspirierte. Einige Wochen später, während er mit Peter und Christian an einer längeren Version arbeitete, wurden sie erneut von einem anderen KOMPAKT Künstler inspiriert: SUPERMAYER.

Ihr Remix für Rufus Wainwright´s Tiergarten diente als Vorlage für die Balance zwischen den Gesangs- und Instrumental-Parts in der langen Version von Patience die man demnächst auf der Geburtstags Kompilation von G-Stone hören wird. Entsprechend begeistert war Roberto, als er von SUPERMAYERS Interesse hörte, den Track zu remixen, um den Kreis der Referenzen und Querverweise zu ihren eigenen Remixen zu schließen.

Direkt nach Patience folgt mit Crazy Colored Light die wohl stärkste Radio Single des Albums und eine weitere Variation des Albumthemas. Don’t look away you have to take the other side and stay. Mit seiner nahezu AMY WINEHOUSE-mäßigen Klavier-Spur zelebriert dieser psychedelischer Pop Song unser (verrückt buntes) Leben in all seiner Vielfalt. Der Sprech-Part wird von THE ILLUSIONISTS beigesteuert, inspiriert von dem Film Prestige. I am the illusionist, I am the transported man. Eine starke Metapher, sind wir nicht genau das für andere, wenn wir die multiplen Seiten unserer Persönlichkeit ausspielen: Illusionisten unserer selbst – wir erscheinen und verschwinden mit unseren Rollen – pure Magie!

Danach kommt die bereits veröffentlichte Radio Single Ordinary Boy mit ihrer wunderschönen Hook-Line und dem positiven Vibe. Der Song nimmt seine Inspiration aus den Dingen, die wir beim Hören von Popsongs am wenigsten erwarten. Von unseren negativen Seiten, unseren nicht ganz so großartigen Eigenschaften, aus den Dingen die wir an uns selbst nicht schätzen – oder einfach gesagt: Unserer anderen Seite. Wir alle sind mehr oder weniger nur gewöhnliche Jungs und Mädchen – warum also nicht das Unausweichliche akzeptieren und es in etwas Positives verwandeln: Yes we are!

Moon Of Dust, der vierte Titel auf dem Album, ist wiederum eine andere und vielleicht überraschende Facette von MARSMOBIL mit seinen ungewöhnlichen Drum Patterns und dem fast EELS-mäßigen Indie-Ansatz. Dieser Song basiert auf einem Gedicht über einen sehr surrealen Traum, dass Roberto vor langer Zeit geschrieben hat. Mit seinem ruhigen und träumerischem Gesang im Zentrum, umgeben von sich stetig bewegenden und außergewöhnlich lebendigen Drums schafft dieses Stück einen seltsamen Kontrast: Ein ruhiger Mann im Zentrum einer sich stetig verändernden Welt… Zu diesem Song ist eine weitere Single mit Versionen von NOTWIST und CONSOLE geplant.

Der nachfolgende Song wechselt in eine ganz andere Stimmung. Mit seinem vom Piano angetriebenen Sound und einer fast hymnenhaften Art (irgendwie zwischen COLDPLAY und JOHN LENNON) könnte er trotz seiner Balladenhaftigkeit möglicherweise der heimliche Hit des Albums werden (HENRIK SCHWARZ Mixes sind bereits in Arbeit) und hat sich zudem bereits als eines der Highlights der Live Show erwiesen. Gonny Be My Day hat einen Chorus, dem man nur schwer widerstehen kann und der sicherlich Jedermanns heimlichen Wunsch ausdrückt: Welche Probleme auch immer kommen – Its Gonna Be My Day!

Jane, der nächste Song, ist der der französischen Schauspielerin, Sängerin und 60er Jahre Ikone JANE BIRKIN gewidmet und zelebriert everlasting love (immerwährende Liebe). Es ist natürlich eine Liebe zu einer imaginierten Jane Birkin, da Roberto die wirkliche Jane niemals getroffen hat. Mit seinen Phased Drums und einem AIR-artigen Chorus, klingt dieser Song wie eine Reise durch Wattewölkchen hoch oben im Himmel. Wahrscheinlich der ätherischste Song des Albums.

Wenn Jane ätherisch klingt und in gewisser Hinsicht eine Seite von Marsmobil zeigt, die wir bereits von früheren Alben kannten, dann zeigt der nächste Song Never Forget auf perfekte Art und Weise wie sehr Marsmobils Kosmos gewachsen ist: Ein Pop Rocker mit einem guten Schuss Soul und sicherlich eine der nächsten Singles, die kommen werden. Das Stück erinnert ein wenig an frühe LENNY KRAVITZ Songs. Ein sehr ironischer Kommentar über alle Möchtegern-Berühmtheiten, welche sich in ihr eigenes Image verliebt haben. Never Forget You Are Not Seen By Anyone Who Is Near You!

Der nächste Song Lolly hat noch mehr Rock Appeal. Um präzise zu sein Psych Rock, mit einem starken Gitarren Riff und einer massiven Bass Line. Sicherlich der verzerrteste Song des Albums. Mit diesem Song wandelt Roberto auf den Spuren vieler Indie Rock Bands der letzten zwanzig Jahre von THE JESUS AND THE MARY CHAIN bis GLASVEGAS, die versucht haben 60s Noise Rock in die Gegenwart zu holen. Dieser Song handelt von der geläufigen Angst, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen und stattdessen eher in der Vergangenheit festzusitzen oder sich in Zukunftsplänen zu verlieren.

Lolly wird gefolgt von Cry For Day – einem Song der – laut Roberto – einer seiner Lieblingssongs auf dem Album ist. Mit seinem sich ständig wiederholenden Vers der nach einem Day of Love ruft erinnert dieser Song fast an ein inniges Gebet.

Eine weitere künftige Single ist Monday Tuesday, ein ziemlich lustiger Song über verschobene Realitäten. Wir alle kennen diese Situationen, wenn uns die Wirklichkeit auf einmal zu entgleiten scheint und wir plötzlich nicht mehr sicher sind wo wir sind, wer wir sind, oder, wie in diesem Fall, welche Zeit es gerade ist. Ein Mann wacht eines Tages auf und denkt es sei Montag, obwohl es eigentlich bereits Dienstag ist. Er hat einen Tag und all seine Aufgaben und Termine verpasst und versucht nun herauszufinden, was zu tun ist. Macht es wirklich einen Unterschied? Macht ein Tag einen Unterschied? Machen wir den Unterschied oder geht die Welt so oder so ihren Gang ohne Rücksicht darauf, was wir machen? Er entschließt sich im Bett zu bleiben und schaut sich eine TV-Dokumentation über den Mond an. Eine wunderschöne Reminiszenz an die verschrobenen Pop Perlen von Bands wie MADNESS oder XTC, sowohl durch die stetig skurriler werdende Musik als auch durch den immer absurder werdenden Text.

Insane 5 dient mit seinem ungewöhnlichen 7/4 Beat und den repetitiven ironischen Lyrics geradezu als instrumentaler part two zu Monday Tuesday. Eine sich stetig wiederholende Klage einer ungeliebten Person: Why don’t you fall in love, why can’t you read my mind, how come you just so blind, is my love not enough? Ebenso wie Patience sticht dieses Lied auf Grund seiner Loop artigen Struktur heraus, welche im Gegensatz zu den anderen Songs des Albums mit ihrer klassischen Hook und Vers Form steht. Die Mitwirkung von Meister Percussionist ERNST STROER (PASSPORT) sowie der Sängerin KIM SANDERS, geben diesem Song ein unverwechselbares Gesicht.

Berchida der Titel des nächsten Songs ist nach einem kleinen italienischen Bergdorf mit demselben Namen auf der Insel Sardinien benannt. Wenn man Roberto fragt, worum es in diesem Song geht, lacht er und sagt, dass er es selbst nur schwer beschreiben kann. Ein glücklicher Moment (wie man sehr leicht an der sehr verträumten dahin gleitenden Art hören kann), der ihm das Gefühl gab, endlich die andere Seite (The Other Side) erreicht zu haben. Dieses Stück verdankt sehr viel dem himmlischen Gesang der wundervollen Sängerin MARTINE-NICOLE ROJINA, welche ihre einzigartige Stimme ebenfalls vielen anderen Songs des Albums als Backing-Vocals lieh. Martine kennt man als Lead Sängerin des letzten MARSMOBIL Albums Minx bevor sich Roberto während der Produktion des neuen Albums dafür entschied, mehr und mehr seiner Songs selbst einzusingen. Ein Prozess, der einher ging mit der Emanzipation von der Rolle des Jazz Pianisten und seinem Wunsch die zunehmend persönlicheren Texte auch selbst zu singen. Parallel hat auch Martine begonnen mit ihrem solo project TURBO LeRONE (eine multimedia disco punk performance-rEVOLution, die ebenfalls bald released wird) ihre Songs selbst zu singen.

Spirit of the Dark hat eine sehr simple Botschaft, verpackt in recht surrealen Bowie-haften Lyrics: It’s the end of the game! Ein sehr dunkles Stück nicht nur auf Grund des Namens, sondern auch auf Grund der Musik und der Thematik: Keine Spielereien mehr, keine Albernheiten – es gibt einen Punkt, da müssen wir alle ernst werden.

Revolution Girl – wahrscheinlich ein weiterer Song, der eine Single wird – ist wiedermal ein kleines ironisches Meisterstück. Beim ersten Hören erinnert diese Upbeat Nummer mit ihren Acoustic Gitarren und den das Stück stetig vorantreibenden Percussions an frühe 70er Jahre Hippie Musik die die Liebe zu einem Revolution Girl wie man es aus Filmen wie ZABRISKIE POINT kennt zelebriert. Bei genauerem hinhören erkennt man dann aber hier wird nicht die Liebe zu einem wilden Hippie Mädchen zelebriert sondern das Stück dient als ironischer Kommentar über ein Revolution Girl das – ganz selbstverliebt – die Liebe zu sich selbst zelebriert. Unser Revolution Girl hat sich in Wahrheit nur in sein eigenes wildes Image verliebt, die revolutionäre Haltung ist nur leere Pose, der Inhalt fehlt. Dieses Mädchen weiß in Wahrheit gar nicht so recht was es will und bekommt auch nicht allzu viel geregelt. Roberto möchte sich nicht wirklich mit ihr treffen, da er fürchtet sich seinen Tag mit ihrer selbstgefälligen Attitüde zu verderben.

Der nächste Song Helix Pomatia (lateinisch für Weinbergschnecke) ist das einzig echte Instrumental-Stück des Albums. Es wurde von Roberto mit der bereits vorher erwähnten Antonelli Kinder Orgel und einem Cello Frame Set für Melotrone (Roberto hat vor einigen Jahren ein Original gekauft – die Geschichte dieses Instruments ist eine andere Story, welche es wert wäre, erzählt zu werden) eingespielt. Mit seiner niedlichen einfachen Melodie könnte es ebenso gut auf einem Morr Music Album zu finden sein.

Das Album beendet der zweite Teil von Patience. Der Song der das Albumthema vorgibt, dient als Intro, Outro und Rahmen von (Why Don’t You Take) The Other Side. Mit seinem starken Aufbau zu einem schwer verzerrten Klimax dient dieser zweite Part genauso als die andere Seite (The Other Side) von Patience als Song, wie es das Ende des Albums darstellt.

Ebenfalls auf dem Album vertreten ist ein weiterer (versteckter) Track: Gloria (keine Cover Version des THEM / VAN MORRISON Klassikers). Bei dieser Ballade begleitet sich Roberto selbst auf dem Piano zu seiner eigenen Komposition. Ein Song, der auf verschiedene Weisen betrachtet werden kann. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob es sich hier um die immerwährende Liebe zu einem Mädchen namens Gloria geht sowie die Hoffnung das diese Liebe eines Tages Wirklichkeit wird: How can it be that I love you without knowing you? Oh Gloria it seems that we know each other for years, Oh Gloria there will come a time! In Anbetracht des Kontextes am äußersten Ende dieses Albums könnte es ebenfalls als ein Liebessong für die Alter Egos aka The Other Sides des Künstlers betrachtet werden – eine zusammenfassende Metapher. Ein Song über den tiefen Glauben das an einem (hypothetischen) Punkt in der Zukunft alle verschiedenen Seiten in jedem von uns, all die Alter Egos, die wir in uns tragen, zu einem Wesen verschmelzen, geliebt und gesehen von uns selbst und anderen als mehr als nur die Summe unserer Images. Wir sind möglicherweise nicht in der Lage diesen Punkt letztendlich zu erreichen, aber es könnte unserem Leben eine Richtung geben. REACH OUT FOR THE OTHER SIDE!