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out 03.04.2009

Biografie: "Two Suns"

Mit ihrem zauberhaften zweiten Album "Two Suns" haben Bat For Lashes nicht nur die UK-Top-Five im Sturm erobert, auch die Kritiker und Künstlerkollegen sind einmal mehr begeistert von der innovativen schöpferischen Kraft, von dem magischen Klangkosmos und den bizarr anmutenden Bilderwelten der Natasha Kha. Die 29-jährige pakistanisch-britische Künstlerin ist auf dem besten Weg zum Everybody's Darling. Die Sängerin und Multiinstrumentalistin verleiht ihren Songs eine ätherische, aber kraftvolle Atmosphäre und bestimmt den mystischen Klang ihrer Kompositionen, deren Ausstrahlung stets zwischen kühler Eleganz und wohltemperiertem Moll changieren. Ihre schillernden Phantasmagorien stecken voller klanglich betörender und visuell faszinierender Facetten. "Two Suns" ist sowohl musikalisch wie konzeptionell ein sehr ambitioniertes Album, eine philosophische Spurensuche nach Selbsterkenntnis, ausgerichtet am Prinzip der Dualität: zwei Gestirne, damit sind wohl die Gegensätze und Gemeinsamkeiten zweier Menschen gemeint, aber auch die Pole von Urbanität und Natur, Realität und Phantasie, Avantgarde und Pop.

Dieser Dualität entsprechend hat die in Brighton lebende Künstlerin während eines längeren Aufenthalts in New York - inspiriert von der für ihre Camouflage-Arbeiten bekannten Künstlerin Cindy Sherman und den Drag Queens der 70er - ein Alter Ego geschaffen: die mit blonder Perücke ausgestattete Pearl, die sich ausnimmt wie aus einem Film Noir von David Lynch. Fürwahr gleichen manche Songs Geisterbeschwörungen, bei denen sich mitunter Abgründe auftun wie in den morbiden Bilderwelten des amerikanischen Regisseurs, auf den sich Natasha Khan, die in Brighton neben Musik auch Film studiert hat, gerne bezieht. Spooky, gespenstisch, wirken auch die von ihr mitgestalteten Videoclips. Die nächtliche Fahrt auf einem BMX-Rad, die sie für ihre Single "What's A Girl To Do?" so alptraumhaft inszeniert wie eine Mischung aus Donnie Darko und Alice im Wunderland, gehört ebenso dazu wie die düster-romantische Märchenwelt von "Daniel", der aktuellen Single, vielleicht der Song mit dem bis dato stärksten Pop-Appeal. Kristalline Balladen wie "Moon And Moon" wiederum gleichen opernhaften Arien und strahlen eine Erhabenheit aus, wie sie in solcher Perfektion einst bei den Cocteau Twins zu entdecken waren.

Die Imaginationskraft von Natasha Khan, die schon als Kind mit ihrem Vater, der seinerzeit die pakistanische Squash-Nationalmannschaft trainierte, die halbe Welt bereiste, scheint unerschöpflich. In ihrem kreativen Kosmos hält sie fast alle Fäden selbst in der Hand. Sie hat nicht nur eine ganz klare Vorstellung davon, wie ihre Songs klingen müssen, sie entwirft auch das Gros ihrer schillernden Kostüme selbst - für "Two Suns" arbeitete sie allerdings eng mit Fashion-Designer Alexander McQueen zusammen. Sie zeichnet für das Artwork ihrer Alben ebenso verantwortlich wie für das Bühnendesign. Sie wählt ihre Musiker aus, konzipiert die Treatments ihrer Videos und hat mit She Bear auch ein eigenes Label. Dabei wird die geheimnisvoll wirkende Popkunst der Natasha Khan wechselweise auf einem künstlerischen Level mit Kate Bush und Tori Amos, Björk und Portishead gesehen. Auch Vergleiche mit der Dark-Pop-Legende Siouxsie Sioux oder mit Cat Power sind keine Seltenheit. Doch bei allen Querverweisen bilden die Fabeln dieser Popexzentrikerin ein ganz eigenes Universum.

Bei den Aufnahmen der in New York, London und in der kalifornischen Wüste entwickelten Songs zu "Two Suns" wurde sie unter anderem von Musikern der aus Brooklyn stammenden Psychedelic-Formation Yeasayer unterstützt, die Co-Produktion übernahm erneut David Kosten und der Gastauftritt von Scott Walker bei dem abschließenden Song "The Big Sleep" gleicht einem Ritterschlag durch den enigmatischen Künstler. Neben der grandiosen Single "Daniel" und der extravagant wuchtigen Electro-Dance-Nummer "Pearl's Dream" gilt diese wie nicht von dieser Welt stammende Ballade als eines der Highlights des Albums. In den Songs von Bat For Lashes werden geschickt elektronische und organische Sounds kombiniert, vereinen sich diverse Musikstile von traditionellen Chants und Gospel über Gothic und Dark Wave bis hin zu exotischem Pop und avantgardistischem Folk zu einem faszinierend mystischen Universum. Manchmal hat ihr Gesang etwas Feenhaftes, aber auch ethnische Rhythmen, experimenteller Minimal Art und indianische Gesänge haben auf viele der neuen Songs einen starken Einfluss ausgeübt.

Bereits für ihr Debütalbum "Fur and Gold" wurde Natasha Khan respektive Bat For Lashes 2007 für den renommierten Mercury Music Prize nominiert; bei den Brit-Awards im darauffolgenden Jahr folgten Nominierungen als "Best British Breakthrough Act" und "Best British Female". Während ihr Album sogar als Vorlage für ein Fantasy-Filmmusical aufgegriffen wurde, kürte der Guardian sie 2007 als einzige Musikerin zu den wichtigsten weiblichen Persönlichkeiten des Jahres. Doch nicht nur Kritiker sind begeistert, auch Künstlerkollegen wie Chris Martin, Jarvis Cocker, Devandra Banhart und M.I.A. zählen zu ihren Bewunderern. Radiohead, ebenfalls erklärte Fans, luden Bat For Lashes letztes Jahr als Support-Act auf ihre Europatournee ein. "Two Suns", das die Sunday Times als "ein Meisterwerk, ein außergewöhnliches, unschlagbares Album" bezeichnete, ist zweifellos ein noch größerer Trumpf. Inzwischen ist Natasha Khan auch in den USA gefragt. So schaffte es die paradiesvogelhaft in immer neuen, extrovertierten Kostümen und Kostümierungen auftretende Künstlerin auf das Cover des Lifestyle-Magazins Dazed & Confused und David Letterman hat die attraktive Künstlerin auch schon in seine Show eingeladen.

Für ihre aktuelle Clubtournee, die Bat For Lashes im Mai für vier Konzerte auch nach Deutschland führt, hat Natasha Khan eine neue Band zusammengestellt. Neben dem Keyboarder Ben Christophers, der an manchem kuriosen Instrument wie etwa einem Marxophon bereits bei den Aufnahmen beider Alben mitwirkte, engagierte sie die Schlagzeugerin Sarah Jones und die ehemalige Ash-Gitarristin Charlotte Hatherley, die auch noch am Bass, an Keyboards und als zweite Stimme zum Einsatz kommen wird. Bat For Lashes werden mit "Two Suns" in der Hinterhand auf jeden Fall ein Konzert bieten, das man nicht verpassen sollte. Der Kultstatus von Natasha Khan steht längst außer Frage - mit "Two Suns" ist der rasche Aufstieg zum internationalen Superstar in greifbare Nähe gerückt, wenn er in der Zwischenzeit nicht schon längst vollzogen ist.

April 2009