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out 01.04.2009

Biografie:

Der Stadtteil Los Feliz von Los Angeles liegt zwischen Hollywood und Silverlake, südlich der Berge von Santa Monica. In den 1990ern erklärte man Los Feliz zum hippsten Stadtteil der Westküstenmetropole. Manche nennen das Viertel die „Trash-Variante von Beverley Hills“. Nicht die Reichen und Schönen wohnen hier, sondern die Jungen und die Wilden. Eine junge Garde von Bands hat in den letzten Monaten noch mal den Ruf von Los Feliz als Hotspot des modernen Indie-Rocks zementiert: darunter The Silversun Pickups, The Cold War Kids und The Airborne Toxic Event.

Schon vor ihrer umjubelten Debüt-EP „Does This Mean You´re Moving On?“ erklärte der „Rolling Stone“ letztere zu einer der „25 Top-Bands auf MySpace“. Ende 2007, als The Airborne Toxic Event noch kein Label, keinen Manager, nicht mal einen Radio-Promoter hatten, nahm der Radiosender KROQ ihren Song „Sometime Around Midnight“ als ungemastertes MP3 in die Rotation auf. Dann rief iTunes „Sometime Around Midnight“ zum Top-Alternative Song 2008 aus. Die reguläre Single stieg danach auf Platz 4 der US-Hot Modern Rock-Charts. Vor einigen Monaten erreichte TATEs titelloses Debütalbum Platz 7 der Billboard Top-Heatseekers-Charts. Im Februar 2009 eroberten TATE dann damit auch England: ihr Debüt-Longplayer platzierte sich dort auf Platz 35 der UK-Albumcharts.

Vor diesen Charts-Erfolgen hatte die internationale Musikpresse bereits aus voller Kehle jubiliert: „Jarvis {Cocker von Pulp} wäre stolz auf die Texte und Johnny Marr {von The Smiths} wäre stolz auf die Gitarren“, proklamierte in seiner gewohnt pompösen Art der britische NME. TATE streife den Garage-Rock der Stooges und schwülen, bluesigen Strokes-ischen Pop, meint UNCUT. Wired.com quetscht sie zwischen Echo & The Bunnymen, U2 und The Heavenly States. „Ein Knock-Out“, formuliert das UK-Magazin „The Fly“. Ihr Kunst-Pop positioniere die Band fest im Lager von Arcade Fire und Franz Ferdinand, wobei die Texte mit ihren schrägen Weltsichten jenseits aller Vergleiche ständen. Man liest: den Rockjournos dieser Welt hing der Unterkiefer am Boden, als sie TATE live sahen, auf jetzt schon legendären Gigs im „Spaceland“ in Silverlake, oder danach im Vorprogramm von Franz Ferdinand, Kaiser Chiefs oder den Fratellis, spätestens aber im März 2009, als TATE (zum zweiten Mal) Headliner auf dem SXSW-Festival in Austin, Texas waren.

Vor diesem ungeahnten Triumphzug war Mikel Jollett, der Gründer und Leadsänger von TATE, durch ein persönliches Drama gegangen. Wahrscheinlich ist, dass es ohne dieses Drama The Airborne Toxic Event gar nicht geben würde. Ende 2005 war Jollett Journalist und Schriftsteller, der als Freelancer für die L.A.-Times, das Magazin „Filter“ und „Men´s Health“ arbeitete und fieberhaft an seinem Debütroman schrieb. Dann erlebte der angehende Buchautor die schlimmste Woche seines Lebens: Ein Arzt diagnostizierte Krebs bei Jollets Mutter. Gleichzeitig lag die Beziehung mit seiner Freundin in einem Scherbenhaufen. Vor der Operation seiner Mutter holte er sich beim nächtlichen Campieren auf dem Flur des Krankenhauses eine Lungenentzündung. „Irgendetwas riss in mir“, erinnert sich der Singer-Songwriter. „Auf einmal war mir alles egal. Alles, bis auf Musik.“ Danach fand er sich Tag und Nacht dabei Songs zu schreiben, anstelle des Romans, von dem allerdings ein Auszug als Kurzgeschichte im renommierten Literaturmagazin „McSweeney´s“ erschienen ist.

Nicht lang danach traf Jollett den Punkrock-Schlagzeuger Daren Taylor, schloss sich mit ihm in einem Loft in Downtown Los Angeles ein. Zu ihnen stieß Noah Harmon, Bassist. Ebenso wie Taylor mit einem Punk-Hintergrund aber auch mit einem Musikhochschul-Abschluss in der Tasche, als Musiklehrer arbeitete er im Osten von L.A. Nach ihm kam Anna Bulbrook zur Band, eine klassisch ausgebildete Geigerin aus Boston, die Jollett um zwei Uhr morgens an einem Taco-Stand traf. Nun spielt sie Geige und Keyboards bei TATE und singt dort Background. Das Line-Up rundete Steven Chen ab, ein alter Kumpel von Jollett aus Tagen früherer spiritueller Sinnsuche in San Francisco. Der Amerikaner mit japanischen Wurzeln spielt eigentlich als Hauptinstrument Keyboards, bestand jedoch darauf, bei TATE die Gitarre zu bedienen. Sie sind ein bunter Haufen: Jollett habe unheimlich was vom „Boss“ Bruce Springsteen, witzelte (mal wieder) der NME. Steven sähe aus wie einer von Muse und Noah könnte direkt bei Motörhead einsteigen.

Den Bandnamen entlieh man Don DeLillos Roman „White Noise“ (1985), einem Klassiker der amerikanischen Postmoderne. Nicht zuletzt durch ihre selbst gemachte Grassroots-Internet-Promotion schlugen TATE mit einem Knall in der kalifornischen Indie-Szene ein. Schon im Herbst 2006, einen Monat nach finaler Bandbesetzung, vor ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Echo Park (den man aus Hollywood-Filmen wie „China Town“ kennt oder diversen Laurel & Hardy-Filmen) schickte die Band bereits einzelne Songs in die lokalen Blogs und Social-Networks. Diese nahmen das Ganze mit offenen Armen auf: lobten das literarische Songwriting, die schrägen Gitarrenriffs, die pumpenden Power-Drums. Diverse frühe Angebote von Labels schlug die Band aber aus. Ihre Maximen: besitze deine Musik, kontrolliere dein Schicksal, verdiene dir ehrlich deine Fans. Den Zuschlag bekam schließlich der Indie Majordomo aus Los Angeles. Im März 2009 unterschrieben The Airborne Toxic Event dann bei Island-Records. Nun erscheint das Debütalbum der Band aus Los Feliz auch in Deutschland – wir schätzen uns glücklich.